Die Forschung zeigt: Es gibt organische Reizdarm-Ursachen

Bisher konnte nicht geklärt werden, wodurch das Reizdarmsyndrom genau entsteht. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bei Betroffenen die Darmbewegungen gestört und die Darmschleimhaut besonders empfindlich zu sein scheint. Manche Patienten mit Reizdarm haben eine verringerte Schmerzschwelle im Darm und scheinen schmerzempfindlicher zu sein.

Experten gehen davon aus, dass es meist nicht nur einen Auslöser gibt, sondern mehrere Faktoren zusammenkommen. Häufige Reizdarm-Ursachen sind: 

•    Ernährung und Nahrungsmittelunverträglichkeiten

•    Entzündungen und Infekte des Magen-Darm-Traktes 

•    Stress und seelische Belastungen

Wir haben für Sie all diese Auslöser genauer unter die Lupe genommen. Zunächst jedoch noch ein Tipp, wie Sie am besten herausfinden, an welcher dieser Reizdarm-Ursachen die Symptome bei Ihnen liegen können.

Hilft bei der Diagnose: Ernährungs- und Symptomtagebuch

Halten Sie Ihre Beschwerden in Zusammenhang mit dem Reizdarm sowie Verbesserungen und Verschlimmerungen in einem Tagebuch fest. Das ist eine gute Grundlage, um gemeinsam mit dem Arzt die Behandlung zu besprechen und Ihre persönlichen Reizdarm-Ursachen herauszufinden – aber auch, um sich so zu ernähren, dass der Darm nicht gereizt wird.

Gehen Sie dabei auf folgende Punkte ein und notieren Sie ggf. auch jeweils die Uhr- oder Tageszeiten:

•    Auftretende Reizdarm-Symptome

•    Ihre Mahlzeiten inklusive Snacks und Getränke

•    Ängste oder Stressphasen

•    Krankheiten aller Art

•    Außergewöhnliche Vorkommnisse, das können auch positive Events wie Reisen oder Familienfeiern sein

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Die Ernährung spielt bei Reizdarm eine Schlüsselrolle

Von großer Bedeutung ist die Ernährung bei Reizdarm. Beschwerden rufen insbesondere Lebensmittel hervor, die viele FODMAPs (Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole) enthalten. Das sind Kohlenhydrate und Zuckeralkohole, die im Dünndarm nur schwer verstoffwechselt werden. Auch zu viel Kaffee, Alkohol oder scharfes Essen können Ihren Darm reizen. Mehr über FODMAPS und wie Sie Ihrer Ernährung reizdarm-freundlicher gestalten können, finden sie in der Rubrik „Behandlung“.

Außerdem gibt es einen Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Reizdarm. Dann nämlich bringen Enzyme für die Verstoffwechslung bestimmter Stoffe den Darm in Aufruhr. Problematisch sind dabei oft:

•    Milchzucker (Laktose)

•    Fruchtzucker (Fruktose) 

•    Klebereiweiß im Weizen (Gluten)

Allergie, Nahrungsmittelunverträglichkeit, Intoleranz: Was ist was?

Es gibt Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, Intoleranzen, Allergien und Pseudoallergien. Doch was bedeuten die Begriffe genau und was hat Reizdarm mit Ernährung zu tun? Hier erhalten Sie einen Überblick:

•    Unverträglichkeit: Der Überbegriff für jegliche unerwünschte Reaktionen auf Nahrungsmittel.

•    Intoleranz: Der Körper kann bestimmte Nahrungsbestandteile wie Fruktose oder Laktose durch ein fehlendes oder defektes Enzym nicht verdauen.

•    Allergie: Das Immunsystem reagiert auf harmlose Eiweiße zum Beispiel in Nüssen. Der Körper reagiert mit Hautausschlag, Pusteln bis zur Atemnot und Herz-Kreislaufversagen.

•    Pseudoallergie: Lebensmittelzusätze oder Verstärker wie beispielsweise Glutamat lösen Allergieanzeichen aus, ohne dass das Immunsystem beteiligt ist.

Laktose-Intoleranz

Wenn bei Ihnen Milchkaffee oder Joghurt Bauchschmerzen und Durchfall verursachen, kann das daran liegen, dass in Ihrem Dünndarm zu wenig Laktase vorhanden ist. Laktase ist das Enzym, das den Milchzucker (Laktose) aufspaltet.

Gibt es zu wenig davon, gelangt diese unverdaut in den Dickdarm und wird dort von Bakterien zersetzt. So kommt es unter anderem zur Bildung der Gase Methan (CH4), Kohlenstoffdioxid (CO2) und Wasserstoff (H2). Der Bauch bläht sich auf und die Gase entweichen hauptsächlich über abgehende Winde. Der Wasserstoff gelangt über das Blut in die Lunge und wird ausgeatmet. 

Durchfall bekommen Betroffene, weil die Laktose außerdem Wasser im Darm bindet. Der osmotische Druck erhöht sich und dadurch kommt weiteres Wasser nach. Der Stuhl wird flüssig. Die Diagnose erfolgt über einen H2-Atemtest beim Arzt, der nach dem Trinken einer laktosehaltigen Lösung den Wasserstoff im Atem misst.

Fruktose-Intoleranz

Jeder würde Darmprobleme bekommen, wenn er große Mengen von Äpfeln auf einmal isst – hier muss kein direkter Zusammenhang zwischen Reizdarm und Ernährung bestehen. Denn der Darm kann Fruchtzucker nur bis zu einer gewissen Grenze verarbeiten. Bei Menschen mit Fruktose-Intoleranz ist die Menge, die der Darm bewältigen kann, deutlich geringer. 

Verantwortlich dafür ist auch wie bei der Laktose-Intoleranz ein fehlendes Enzym: Der sogenannte GLUT-5-Transporter ist für die Verwertung des Fruchtzuckers im Dünndarm verantwortlich. Fehlt er komplett oder ist er nur noch in geringen Mengen vorhanden, wird der Fruchtzucker im Dünndarm einschränkt oder gar nicht mehr verwertet. Die Fruktose gelangt in den Dickdarm, wo sie von den Darmbakterien zersetzt wird und die gleichen Probleme verursacht wie der Milchzucker, wenn das Enzym Laktase fehlt. Über die Zeit verändert sich bei einer Fruktose-Intoleranz auch die Darmflora und kann unangenehme Reizdarmsymptome hervorrufen. 

Anders als Milchzucker, den man im Speiseplan gegen laktosefreie Produkte austauschen kann, ist eine fruktosearme Ernährung nicht so einfach umsetzbar. Obst und Gemüse sind wichtige Bestandteile einer ausgewogenen Ernährung. Aber Äpfel, Birnen und Mangos haben zum Beispiel mehr Fruchtzucker als Papaya, Beeren und Bananen. Hier müssen Sie abwägen und ausprobieren. 

Da Fruktose ein billiges Süßungsmittel ist, wird sie zudem vielen verarbeiteten Lebensmitteln zugesetzt. Es lohnt sich also, selbst zu kochen und weitestgehend auf verarbeitete Produkte zu verzichten. Die Fruktose-Intoleranz kann der Arzt ebenfalls mit einem H2-Atemtest feststellen.

Zöliakie oder Glutensensitivität

Zöliakie (oder auch Sprue bei Erwachsenen) ist eine Autoimmunerkrankung des Darms, die einen konsequenten Verzicht von glutenhaltigen Lebensmitteln erfordert.

Gluten ist ein Klebereiweiß, das in Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Dinkel und Grünkern vorkommt. Bei Betroffenen löst Gluten starke Entzündungen im Darm aus, zerstört Darmzotten und schwächt das Nervensystem des Magen-Darm-Traktes. Somit kann die Unverträglichkeit auch eine Reizdarm-Ursache sein. 

Häufig wird Zöliakie bereits bei Säuglingen und Kleinkindern festgestellt, mitunter wird sie aber auch erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Sie kann mit einer Reihe von schwerwiegenden Gesundheitsproblemen einhergehen. Dazu gehören zum Beispiel starkes Untergewicht, Blutarmut, Osteoporose, Wachstumsstörungen (bei Kindern) und auch die typischen Reizdarmsymptome Durchfall, Blähungen, Bauchkrämpfe und Verstopfung.

Bei der Glutensensitivität ist es hingegen möglich, auch weiterhin glutenhaltige Produkte zu essen, ohne dass der Darm geschädigt wird. Hier ist es ratsam, auf die Menge zu achten. Wichtig ist, dass der Arzt untersucht, woher die Beschwerden nach dem Essen von Weizen und Co. kommen. Er bestimmt hierfür unter anderem die lgE-Antikörper im Blut und untersucht mit Hilfe einer Darmspiegelung, ob die Darmschleimhaut angegriffen ist.. 

Reizdarm-Patienten leiden unter Durchfall, Verstopfung, Blähungen, Schmerzen durch Krämpfe und Unterleibsschmerzen.
Betroffene hatten vor der Reizdarmerkrankung oftmals eine bakterielle Infektion im Verdauungstrakt oder litten an Entzündungen aufgrund einer gestörten Magen-Darm-Barriere. Eine Schwächung des Magen-Darm-Traktes gehört daher ebenfalls zu den häufigen Reizdarm-Ursachen.

Mehr über dieses Thema erfahren Sie in der Rubrik „Reizdarmsyndrom“ unter „Der gereizte Darm“.

Wenn der Bauch „mitfühlt“

Aufregung, Trauer, Verliebtsein, Stress, Angst, Glück – Gefühle schlagen vielen Menschen auf den Magen und den Darm. Manche kriegen keinen Bissen runter, andere bekommen Durchfall, Verstopfung oder Bauchschmerzen.

Bekannt ist auch, dass Ängste und Depressionen einen Reizdarm begünstigen und dessen Symptome verstärken können. Doch wie können Gefühle die Ursache von Reizdarm sein?

Gehirn im Bauch

Zunächst einmal wird die Verdauung vom sogenannten enterischen Nervensystem (ENS) reguliert. Dieses Nervensystem besteht aus rund 100 Millionen Nervenzellen und wird auch als Gehirn im Bauch bezeichnet. Es arbeitet unabhängig vom eigentlichen Gehirn, steuert die wichtigen Muskelbewegungen des Magens und Darms und regt die Produktion der Verdauungssäfte an. Das Gehirn im Bauch gewährleistet so einen reibungslosen Ablauf des komplexen Verdauungsvorgangs. 

Die vielen Nervenzellen machen den Darm aber auch sehr empfindlich. Stress, Ängste oder schwere Kost können Krämpfe, Durchfall oder auch Verstopfungen auslösen. Ein angenehmes Gefühl im Bauch entsteht durch leichte Nahrung, Entspannung und Freude.

Verständigung zwischen Darm und Gehirn

Gleichzeitig kommunizieren Darm und Gehirn auch direkt miteinander: über Nervenverbindungen im Rückenmark, den Vagus Nerv (Nervus vagus), das Immunsystem und Hormone. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, um die Verbindung zwischen Darm und Gehirn besser zu verstehen.

Über die sogenannte Darm-Hirn-Achse werden wie auf einer Datenautobahn kontinuierlich Informationen ausgetauscht. Wenn Sie allerdings denken, dass das Gehirn dabei hauptsächlich dem Darm sagt, was er wann zu tun hat, werden Sie überrascht sein. Tatsächlich findet vom Gehirn zum Darm nur 10 % der Kommunikation statt – in die umgekehrte Richtung sind es 90 %.

Der Vagus Nerv ist an vielen Vorgängen im Darm beteiligt, welche die Verdauung regulieren. Er verbindet das Gehirn mit dem Darm und ist der wichtigste Nerv des Parasympathikus – dem Teil des vegetativen Nervensystems, der für Erholung, Regeneration und den inneren Ausgleich sorgt. 

Sein Gegenspieler ist der Sympathikus, der Teil des vegetativen Nervensystems, der uns auf Trab hält und unseren Kampf-Flucht-Reflex aktiviert. Haben Sie einen Reizdarm, können Sie mit Übungen den Vagus Nerv gezielt entspannen und so dazu beitragen, dass sich der Darm beruhigt. So kann eine Reizdarm-Ursache im Kern bekämpft werden.

Komplexe Verbindung zwischen Psyche und Darmflora

Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang zwischen dem Mikrobiom, also der Darmflora, und der Psyche. Neue Analysetechniken machen es heute möglich, dass Ärzte über eine Untersuchung des Stuhls genau sehen können, welche Keime in der Darmflora vorkommen. 

Bis vor ein paar Jahren war das noch nicht so umfänglich möglich. Untersuchungen an Mäusen zeigen, dass es über den Vagus Nerv auch eine direkte Verbindung zwischen den Mikroorganismen im Darm und dem zentralen Nervensystem (ZNS) gibt. Diese Kommunikation findet über Botenstoffe statt, die von den Darmbakterien produziert werden. Daher wird das Mikrobiom auch als Psychobiom bezeichnet. 

Viele Reizdarm-Patienten zeigen Veränderungen in ihrer Darmflora. Wenn hier schädliche Bakterien Überhand gewinnen, wird das Immunsystem aktiv. Es kommt infolgedessen zu Entzündungsreaktionen im Organismus, die bis zum Gehirn gelangen und das zentrale Nervensystem entzünden können.

Das Glückshormon Serotonin und der Darm

Eine wichtige Rolle beim Zusammenspiel von Psyche und Darm spielt auch Serotonin. Das Glückshormon gibt Informationen im Nervensystem weiter und wirkt auf die Emotionen. Ein niedriger Serotonin-Spiegel kann antriebslos machen und Depressionen begünstigen. Genügend Serotonin unterstützt dabei, sich ausgeglichen und gut zu fühlen.

Sie fragen sich was Ihr Darm damit zu tun hat? Darmbakterien sind an der Umwandlung von L-Tryptophan aus der Nahrung beteiligt. L-Tryptophan ist eine wichtige Aminosäure, die in den Nervenzellen zu Serotonin wird. Deshalb sollten im Darm genügend Bakterien vorhanden sein, die L-Tryptophan bilden. Nur so kann der Körper das für das Wohlbefinden wichtige Serotonin in ausreichenden Mengen produzieren.

Da sich 95 % des Serotonins im Darmtrakt befinden, wirkt der Botenstoff auch direkt auf den Verdauungsprozess und die Schmerzwahrnehmung. Wer einen guten Serotonin-Spiegel hat, ist weniger schmerzempfindlich. Gleichzeitig steuert Serotonin die für eine gesunde Verdauung wichtigen Darmbewegungen.

Gestörte Verdauungsbewegungen bei Reizdarm-Patienten

Wesentlich für eine gesunde Verdauung sind die Bewegungen der Muskulatur in der Darmwand. Die Muskeln spannen sich an und entspannen sich. Im Dünndarm sorgt dies dafür, dass der Speisebrei Richtung Dickdarm transportiert wird. Dort angekommen verlangsamt sich die Bewegung, dem Stuhl wird das restliche Wasser entzogen und er wird mit Schleim durchmischt, um besser ausgeschieden werden zu können. 

Die Darmbewegungen werden über das enterische Nervensystem (ENS) mit seinen rund 100 Millionen Nervenzellen reguliert. Die unterschiedlichen Schritte müssen exakt aufeinander abgestimmt sein – nur so ist eine reibungslose Funktion sichergestellt.

Es wird vermutet, dass diese Verdauungsabläufe bei Reizdarm-Patienten häufig gestört sind und nicht optimal ablaufen. Die Darmmuskulatur erhält falsche Signale aus dem enterischen Nervensystem. Sie arbeitet dann zu langsam und es kommt zu Verstopfung. Oder die Muskulatur im Darm wird überaktiv und der Speisebrei wird zu schnell transportiert. Die Folge: Es wird nicht mehr genügend Wasser entzogen, sodass es zu Blähungen und Durchfall kommt. 

Untersuchungen haben gezeigt, dass es bei Betroffenen hauptsächlich im Dünndarm zu diesen Störungen der Bewegungsabläufe kommt. Mediziner sprechen hier von veränderten Motilitätsmustern. Noch ist unklar, ob all dies in Zusammenhang mit dem Reizdarm steht oder eher Stress als Auslöser in Frage kommt.

Antibiotika: Segen und Fluch

Eitrige Mandelentzündung, Lungenentzündung, Scharlach oder Blasenentzündung – Antibiotika helfen, wenn es zu bakteriell bedingten Entzündungen im Körper kommt. Bei viral bedingten Erkrankungen wie Erkältungen, Schnupfen und Grippe helfen Antibiotika nicht, bei ernsten Krankheitsverläufen können sie aber Leben retten. Personen, die häufig Antibiotika einnehmen müssen, können Resistenzen entwickeln.

Antibiotika werden von vielen Menschen gut vertragen. Wer aber einen empfindlichen Magen oder Darm hat, kann nach Antibiotika-Einnahme unter Beschwerden im Verdauungstrakt wie Übelkeit und Durchfall leiden.

Wie hängen Antibiotika und Reizdarm zusammen?

Die genannten Nebenwirkungen kommen hauptsächlich daher, dass Antibiotika die Darmflora verändern. Die Vielfalt der Mikroorganismen nimmt unter Einnahme des Medikamentes ab und ihre Zusammensetzung verändert sich. Dabei kann es sein, dass es Wochen bis Monate dauert, bis es in der Darmflora wieder so an Mikroorganismen wimmelt, wie vorher. Bei Menschen, die mehrmals im Jahr Antibiotika nehmen müssen, kann es sogar sein, dass sich das Mikrobiom gar nicht mehr erholt. Diese Störung der Darmflora kann bei Reizdarm die Ursache für eine Erkrankung sein.

Wer nicht auf Antibiotika verzichten kann, sollte sich daher genau daran halten, wie das Medikament eingenommen werden soll.