Forschung zeigt: Es gibt organische Ursachen

Bisher konnte nicht geklärt werden, wodurch das Reizdarmsyndrom genau entsteht. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bei Betroffenen die Darmbewegungen gestört und die Darmschleimhaut besonders empfindlich zu sein scheint. Manche Patienten mit Reizdarm haben eine erniedrigte Schmerzschwelle im Darm und scheinen schmerzempfindlicher zu sein.

Experten gehen davon aus, dass es meist nicht nur einen Auslöser gibt, sondern mehrere Faktoren zusammenkommen. Hauptsächlich sind das: Ernährung, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Stress, seelische Belastungen, Entzündungen und Infekte des Magen-Darm-Traktes.

Schlüsselrolle Ernährung

Beschwerden rufen insbesondere die sogenannten Lebensmittel hervor, die viele FODMAPs (Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole) enthalten. Das sind Kohlenhydrate und Zuckeralkohole, die im Dünndarm nur schwer verstoffwechselt werden. Auch zu viel Kaffee, Alkohol oder scharfes Essen kann den Darm reizen. 

Außerdem gibt es einen Zusammenhang von Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Reizdarm. Wer Milchzucker (Laktose), Fruchtzucker (Fruktose) oder das Klebereiweiß im Weizen (Gluten) nicht verträgt, leidet meist an typischen Reizdarm-Beschwerden.

Hilft bei der Diagnose: Ernährungs- und Symptomtagebuch

Wissenschaftliche Untersuchen zeigen, dass Umweltfaktoren beim Reizdarm eine Rolle spielen; ebenso familiäre Häufung und psychische Belastungen. Seelische Anspannung, Unruhe oder Ängste verändern bei Betroffenen die Motorik der Magen- und Darmmuskulatur. Entweder verlangsamt sich diese oder sie wird schneller. Das kennen viele von Prüfungssituationen, wenn der Darm vor Aufregung verrücktspielt und man Durchfall bekommt.

Ein Reizdarm tritt häufiger nach bakteriell bedingten Magen-Darm-Infekten oder einer Antibiotikatherapie auf. Dadurch gerät die Darmflora ins Ungleichgewicht. Auch eine gestörte Darm-Barriere begünstigt den Reizdarm, da Erreger und Schadstoffe in die Darmwand eindringen.

Die Ursachen sind individuell sehr unterschiedlich. Betroffenen wird empfohlen, in einem Tagebuch ihre Beschwerden sowie Verbesserungen und Verschlimmerungen aufzuschreiben. Das ist eine gute Grundlage, um gemeinsam mit dem Arzt die Behandlung zu besprechen, aber auch um sich so zu ernähren, dass der Darm nicht gereizt wird.

Wenn der Darm gereizt ist, hat das oft mit der Ernährung zu tun

Es gibt Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, Intoleranzen, Allergien und Pseudoallergien. Doch was bedeuten die Begriffe genau und was haben sie mit dem Reizdarmsyndrom zu tun? Hier erhalten Sie einen Überblick:

Unverträglichkeit: Ist der Überbegriff für jegliche unerwünschte Reaktion auf Nahrungsmittel.

Intoleranz: Der Körper kann bestimmte Nahrungsbestandteile wie Fruktose oder Laktose durch ein fehlendes oder defektes Enzym nicht verdauen.

Allergie: Das Immunsystem reagiert auf harmlose Eiweiße zum Beispiel in Nüssen. Der Körper reagiert mit Hautausschlag, Pusteln bis zur Atemnot und Herz-Kreislaufversagen.

Pseudoallergie: Lebensmittelzusätze oder Verstärker wie beispielsweise Glutamat lösen Allergieanzeichen aus, ohne dass das Immunsystem beteiligt ist.

Wenn fehlende Enzyme den Darm in Aufruhr bringen

Reizdarmbeschwerden sind ganz typisch bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Laktose-Intoleranz

Wenn Milchkaffee oder Joghurt Bauschmerzen und Durchfall verursacht, kann das daran liegen, dass im Dünndarm zu wenig Laktase vorhanden ist. Laktase ist das Enzym, das den Milchzucker (Laktose) aufspaltet. Gibt es zu wenig davon, gelangt diese unverdaut in den Dickdarm und wird dort von Bakterien zersetzt. So kommt es unter anderem zur Bildung der Gase Methan (CH4), Kohlenstoffdioxid (CO2) und Wasserstoff (H2). Der Bauch bläht sich auf. Die Gase entweichen hauptsächlich über abgehende Winde. Der Wasserstoff gelangt jedoch über das Blut in die Lunge und wird ausgeatmet. Durchfall bekommen Betroffene, weil die Laktose außerdem Wasser im Darm bindet. Der osmotische Druck erhöht sich und dadurch kommt weiteres Wasser nach. Der Stuhl wird flüssig. Die Diagnose erfolgt über einen H2 - Atemtest, der nach dem Essen von Laktose beim Arzt, den Wasserstoff im Atem misst.

Fruktose-Intoleranz

Jeder würde Darmprobleme bekommen, wenn er Mengen von Äpfeln auf einmal isst. Denn der Darm kann nur bis zu einer gewissen Grenze Fruchtzucker verstoffwechseln. Bei Menschen mit Fruktose-Intoleranz ist die Menge, die der Darm bewältigen kann, deutlich geringer. Verantwortlich dafür ist auch wie bei der Laktose-Intoleranz ein fehlendes Enzym und zwar der sogenannte GLUT-5-Transporter. GLUT-5 ist für die Verwertung des Fruchtzuckers im Dünndarm verantwortlich. Fehlt er komplett oder ist er nur noch in geringen Mengen vorhanden, wird der Fruchtzucker im Dünndarm einschränkt oder gar nicht mehr verwertet. Die Fruktose gelangt in den Dickdarm, wo sie von den Darmbakterien zersetzt wird und die gleichen Probleme verursacht wie der Milchzucker, wenn das Enzym Laktase fehlt. Über die Zeit verändert sich bei einer Fruktose-Intoleranz auch die Darmflora. Anders als Milchzucker, den man im Speiseplan gegen laktosefreie Produkte austauschen kann, ist eine fruktosearme Ernährung nicht so einfach umsetzbar. Obst und Gemüse sind wichtige Bestandteile einer ausgewogenen Ernährung. Aber Äpfel, Birnen und Mangos haben zum Beispiel mehr Fruchtzucker als Papaya, Beeren und Bananen. Hier gilt es abzuwägen und auszuprobieren. Da Fruktose ein billiges Süßungsmittel ist, wird sie zudem vielen verarbeiteten Lebensmitteln zugesetzt. Es lohnt sich also, selbst zu kochen und weitestgehend auf verarbeitete Produkte zu verzichten. Die Fruktose-Intoleranz kann der Arzt ebenfalls mit einem H2-Atemtest feststellen.

Zöliakie oder Glutensensitivität

Zöliakie (oder auch Sprue bei Erwachsenen) ist eine Autoimmunerkrankung des Darms, die einen konsequenten Verzicht von glutenhaltigen Lebensmitteln erfordert. Gluten ist ein Klebereiweiß, das in Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Dinkel und Grünkern vorkommt. Bei Betroffenen löst Gluten starke Entzündungen im Darm aus, zerstört Darmzotten und schwächt das Nervensystem des Magen-Darm-Traktes. Häufig wird Zöliakie bereits bei Säuglingen und Kleinkindern festgestellt, mitunter dauert es aber bis ins Erwachsenenalter und kann mit einer Reihe von schwerwiegenden Gesundheitsproblemen einhergehen. Dazu gehören zum Beispiel starkes Untergewicht, Blutarmut, Osteroperose, Wachstumsstörungen (bei Kindern) und auch die typischen Reizdarmsymptome (Durchfall, Blähungen, Bauchkrämpfe, Verstopfung). Bei der Glutensensitivität ist es dagegen möglich, auch weiterhin glutenhaltige Produkte zu essen, ohne dass der Darm geschädigt wird. Aber hier ist es ratsam, auf die Menge zu achten. Wichtig ist, dass der Arzt untersucht, woher die Beschwerden nach dem Essen von Weizen und Co. kommen. Er bestimmt hierfür unter anderem die lgE-Antikörper im Blut und untersucht, bei einer Darmspiegelung, ob die Darmschleimhaut angegriffen ist.

Reizdarmpatienten leiden unter Durchfall, Verstopfung, Schmerzen durch Krämpfe, Blähungen und Unterleibsschmerzen.
Betroffene haben oftmals vor der Reizdarmerkrankung eine bakterielle Infektion im Verdauungstrakt gehabt oder Entzündungen aufgrund einer gestörten Magen-Darm-Barriere.

Mehr über dieses Thema erfahren Sie in der Rubrik „Reizdarmsyndrom“ auf der Seite „Der gereizte Darm“.

Wenn der Bauch „mitfühlt“

Aufregung, Trauer, Verliebtsein, Stress, Angst, Glück – Gefühle schlagen vielen Menschen auf den Magen und Darm. Manche kriegen keinen Bissen runter, andere bekommen Durchfall, Verstopfung oder Bauchschmerzen.

Bekannt ist heute auch, dass Ängste und Depressionen, einen Reizdarm begünstigen und dessen Symptome verstärken können.

Gehirn im Bauch

Doch wie kommt es dazu? Zunächst einmal wird die Verdauung vom sogenannten enterischen Nervensystem (ENS) reguliert. Dieses Nervensystem besteht aus rund 100 Millionen Nervenzellen und wird auch als Gehirn im Bauch bezeichnet. Es arbeitet unabhängig vom eigentlichen Gehirn, steuert die wichtigen Muskelbewegungen des Magen und Darms und regt die Produktion der Verdauungssäfte an. Das Gehirn im Bauch gewährleistet so einen reibungslosen Ablauf des komplexen Verdauungsvorgangs. 

Die vielen Nervenzellen machen den Darm aber auch sehr empfindlich. Stress, Ängste oder schwere Kost können Krämpfe, Durchfall oder auch Verstopfungen auslösen. Ein angenehmes Gefühl im Bauch entsteht durch leichte Nahrung, Entspannung und Freude.

Verständigung zwischen Hirn-Bauch-Hirn

Gleichzeitig kommunizieren Darm und Gehirn über mehrere Wege auch direkt miteinander – über Nervenverbindungen im Rückenmark, über den Vagus Nerv (Nervus vagus), aber auch über das Immunsystem und Hormone. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, um die Verbindung zwischen Darm und Gehirn besser zu verstehen.

Dabei werden über die sogenannte Darm-Hirn-Achse wie auf einer Datenautobahn kontinuierlich Informationen ausgetauscht. Wer allerdings denkt, dass das Gehirn dabei hauptsächlich dem Darm sagt, was er wann zu tun hat, wird überrascht sein. Tatsächlich findet vom Gehirn zum Darm nur zehn Prozent der Kommunikation zwischen den beiden Organen statt, in die umgekehrte Richtung sind es 90 Prozent.

Der Vagus Nerv ist an vielen Vorgängen im Darm beteiligt, die die Verdauung regulieren. Der Nervenstrang verbindet Gehirn und Darm. Er ist der wichtigste Nerv des Parasympathikus – dem Teil des vegetativen Nervensystems, der für Erholung, Regeneration und den inneren Ausgleich sorgt. Sein Gegenspieler ist der Sympathikus, der Teil des vegetativen Nervensystems, der uns auf Trab hält und unseren Kampf-Flucht-Reflex aktiviert. Wer einen Reizdarm hat, kann zum Beispiel mit Übungen den Vagus Nerv gezielt entspannen und so auch dazu beitragen, dass sich der Darm beruhigt.

Komplexe Verbindung zwischen Psyche und Darmflora

Wissenschaftler sehen darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen dem Mikrobiom und der Psyche. Neue Analysetechniken machen es heute möglich, dass Ärzte über eine Untersuchung des Stuhls genau sehen können, welche Keime in der Darmflora vorkommen. Bis vor ein paar Jahren war das noch nicht so umfänglich möglich. Das hat den Blick der Forscher auch auf den Zusammenhang des Mikrobioms und die Psyche eines Menschen gerichtet. Untersuchungen an Mäusen zeigen, dass es über den Vagus Nerv auch eine direkte Verbindung zwischen den Mikroorganismen im Darm und dem zentralen Nervensystem (ZNS) gibt. Diese Kommunikation findet über Botenstoffe statt, die von den Darmbakterien produziert werden. Daher wird das Mikrobiom heute auch schon als Psychobiom bezeichnet. 

Viele Reizdarm-Patienten zeigen auch Veränderungen in ihrer Darmflora. Wenn hier die ungesunden Bakterien überhand gewinnen, wird das Immunsystem aktiv, und es kann infolgedessen zu Entzündungsreaktionen im Organismus kommen. Diese können letztlich sogar bis zum Gehirn gelangen und das zentrale Nervensystem entzünden.

Das Glückshormon Serotonin und der Darm

Eine ganz wichtige Rolle beim Zusammenspiel von Psyche und Darm spielt auch Serotonin. Das Glückshormon gibt Informationen im Nervensystem weiter und wirkt auf die Emotionen. Ein niedriger Serotonin-Spiegel kann antriebslos machen und Depressionen begünstigen. Genügend Serotonin unterstützt dabei, sich ausgeglichen und gut zu fühlen.

Warum ist das so? Darmbakterien sind an der Umwandlung von L-Tryptophan aus der Nahrung beteiligt. L-Tryptophan ist eine wichtige Aminosäure, die in den Nervenzellen zu Serotonin wird. Deshalb sollten im Darm genügend Bakterien vorhanden sein, die L-Tryptophan bilden. Dann kann der Körper auch das für das Wohlbefinden so wichtige Serotonin in ausreichenden Mengen produzieren.

Da sich 95 Prozent des Serotonins im Darmtrakt befinden, wirkt der Botenstoff auch direkt auf den Verdauungsprozess und die Schmerzwahrnehmung. Wer einen guten Serotonin-Spiegel hat, ist weniger schmerzempfindlich. Gleichzeitig steuert Serotonin die für eine gesunde Verdauung wichtigen Darmbewegungen.

Die Verdauungsbewegungen sind gestört

Wesentlich für eine gesunde Verdauung sind die Bewegungen der Muskulatur in der Darmwand. Die Muskeln spannen sich an und entspannen sich. Im Dünndarm sorgt dies dafür, dass der Speisebrei Richtung Dickdarm transportiert wird. Dort angekommen verlangsamt sich die Bewegung, der Speisebrei schwappt auch mal hin und her, dem Stuhl wird das restliche Wasser entzogen, und er wird mit Schleim durchmischt, um besser ausgeschieden werden zu können. Die Darmbewegungen werden über das enterische Nervensystem (ENS) mit seinen rund 100 Millionen Nervenzellen reguliert. Die unterschiedlichen Schritte müssen exakt aufeinander abgestimmt sein – nur so ist eine reibungslose Funktion sichergestellt.


Heute vermutet man, dass diese Verdauungsabläufe bei Reizdarm-Patienten gestört sind und nicht optimal ablaufen. Die Darmmuskulatur erhält falsche Signale aus dem enterischen Nervensystem. Sie arbeitet dann zu langsam, und es kommt zu Verstopfung. Oder die Muskulatur im Darm wird überaktiv und der Speisebrei wird zu schnell transportiert. Die Folge: Es wird nicht mehr genügend Wasser entzogen, sodass es zu Blähungen und Durchfall kommt. Untersuchungen haben gezeigt, dass es bei Betroffenen hauptsächlich im Dünndarm zu diesen Störungen der Bewegungsabläufe kommt. Mediziner sprechen hier von veränderten Motalitätsmustern. Noch ist unklar, ob all dies in Zusammenhang mit dem Reizdarm steht oder eher Stress als Auslöser in Frage kommt.

Antibiotika: Segen und Fluch

Eitrige Mandelentzündung, Lungenentzündung, Scharlach oder Blasenentzündung – Antibiotika helfen, wenn es zu bakteriell bedingten Entzündungen im Körper kommt. Bei ernsten Krankheitsverläufen können sie Leben retten. Bei viral bedingten Erkrankungen wie Erkältungen, Schnupfen und Grippe helfen Antibiotika jedoch nicht. Personen, die häufig Antibiotika einnehmen müssen, können Resistenzen entwickeln.

Antibiotika werden von vielen Menschen gut vertragen. Wer aber einen empfindlichen Magen oder Darm hat, kann nach Antibiotika-Einnahme unter Beschwerden im Verdauungstrakt wie Übelkeit und Durchfall leiden.

Störung des Mikroorganismus

Die Nebenwirkung kommt hauptsächlich daher, dass Antibiotika die Darmflora verändern. Die Vielfalt der Mikroorganismen nimmt unter Einnahme des Medikamentes ab und ihre Zusammensetzung verändert sich. Dabei kann es sein, dass es Wochen bis Monate dauert, bis es in der Darmflora wieder so an Mikroorganismen wimmelt, wie vorher. Bei Menschen, die mehrmals im Jahr Antibiotika nehmen müssen, kann es sogar sein, dass sich das Mikrobiom gar nicht mehr erholt.


Wer nicht auf Antibiotika verzichten kann, sollte sich daher genau daran halten, wie das Medikament eingenommen werden soll.

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